Beruflich erfolgreich und trotzdem festgefahren
Warum beruflicher Erfolg nicht automatisch bedeutet, dass sich das eigene Leben nach Fortschritt anfühlt, und weshalb ich jetzt trotzdem mit diesem Kanal anfange.
- Persönliche Entwicklung
- Karriere
- Prokrastination
- ADHS
- YouTube
Von außen sieht mein Leben wahrscheinlich ziemlich ordentlich aus. Ich arbeite in der Softwareentwicklung, habe Verantwortung übernommen und beruflich vieles erreicht, worauf ich stolz sein kann. Trotzdem begleitet mich schon lange das Gefühl, an einigen wichtigen Stellen nicht wirklich voranzukommen.
Seit Jahren will ich Videos machen, Gedanken teilen und sichtbarer werden. Genauso lange finde ich Gründe, noch nicht damit anzufangen. Mit diesem Kanal will ich dieses Muster durchbrechen.
Der erste PC und große Pläne
Computer haben mich schon als Kind fasziniert. Meinen ersten eigenen PC baute ich aus alter Hardware zusammen, die sonst niemand mehr brauchte. Besonders viel Geld war nicht da, aber ich hatte große Vorstellungen davon, was später einmal möglich sein könnte.
Meine Eltern haben hart gearbeitet, damit es uns gut ging. Ich wollte irgendwann etwas zurückgeben und aus den Möglichkeiten, die sie mir geschaffen haben, etwas machen. Der Wille war da. Nur zwischen Wollen und Tun lag bei mir schon damals oft eine ziemlich große Lücke.
In der Schule kam ich lange gut durch, ohne besonders viel dafür machen zu müssen. Das fühlte sich bequem an und brachte mir gleichzeitig eine schlechte Gewohnheit bei: Solange es irgendwie funktioniert, muss ich mich nicht wirklich mit unangenehmen Aufgaben beschäftigen.
Fast zehn Jahre Bachelor
Nach der Schule begann ich ein duales Studium. Zum ersten Mal reichte es nicht mehr, mich auf mein Talent zu verlassen. Statt mich auf die Prüfungen vorzubereiten, fand ich Gründe, warum das Studium, der Ort oder die Situation nicht zu mir passten. Ich brach ab und fing später noch einmal neu an.
Mein Bachelor ist nach fast zehn Jahren immer noch nicht abgeschlossen. Es fehlt nicht mehr viel. Genau das macht die Sache manchmal noch absurder: Die Aufgabe ist überschaubar, aber sie bleibt offen.
Lange habe ich mir eingeredet, dass dafür einfach keine Zeit sei. Das war nicht komplett falsch, aber eben auch nicht die ganze Wahrheit. Die Arbeit war wichtig und fordernd. Sie war für mich jedoch oft auch eine gesellschaftlich akzeptierte Form der Prokrastination. Wer 50 oder 60 Stunden arbeitet, muss sich schließlich nicht rechtfertigen, wenn andere Dinge liegen bleiben.
Während der Bachelor liegen blieb
Beruflich lief vieles deutlich besser als im Studium. Ich fing in einem Startup an, arbeitete als Entwickler und übernahm mit der Zeit mehr Verantwortung. Aus technischen Aufgaben wurden Führungsaufgaben. Ich habe Teams begleitet, Menschen eingestellt und Projekte aufgebaut.
Diese Entwicklung zeigte mir, was ich leisten kann. Sie half mir aber auch dabei, die offenen Themen in meinem Leben lange nicht anschauen zu müssen. Solange die Karriere voranging, konnte ich mir sagen, dass ich doch offensichtlich auf dem richtigen Weg war.
Mit der Zeit wurde der Preis dafür deutlicher. Die Arbeit nahm immer mehr Raum ein. Aus einer intensiven Phase wurde die nächste, und nach jedem wichtigen Projekt wartete schon das nächste. Selbst wenn etwas gut lief, wurde ich nicht automatisch ruhiger oder zufriedener.
Gute Arbeit spricht nicht immer für sich
Ich habe lange geglaubt, dass Leistung allein reichen müsse. Wenn die Arbeit gut ist, werden andere sie schon sehen. Wenn eine Idee sinnvoll ist, setzt sie sich durch. Wenn man hart genug arbeitet, kommt die Anerkennung von selbst.
So funktioniert es nicht immer. Irgendwann wurde mir klar, dass nicht meine technischen Fähigkeiten die größte Grenze waren, sondern meine Kommunikation. Es fiel mir schwer, über meine Arbeit zu sprechen, Gedanken früh zu teilen und mich mit unfertigen Ideen zu zeigen.
Das betrifft nicht nur den Beruf. Videos wollte ich schon seit Jahren machen. Themen und Ideen waren da, sogar etwas Erfahrung mit kleinen Edits aus meiner Jugend. Trotzdem fand ich immer einen Grund, noch zu warten: kein richtiges Konzept, zu wenig Zeit, noch nicht gut genug vor der Kamera.
Was mir die ADHS-Diagnose erklärt
Meine ADHS-Diagnose hat mir geholfen, einige Muster besser einzuordnen. Sie erklärt, warum ich mich stundenlang in eine interessante Aufgabe verbeißen kann und gleichzeitig an einer überschaubaren, wichtigen Sache kaum anfange. Auch einen Teil meiner Prokrastination verstehe ich dadurch besser.
Aber eine Erklärung nimmt mir die Entscheidung nicht ab. Ich muss weiterhin Wege finden, mit meiner Energie sinnvoller umzugehen. Ich will nicht mehr jeden Gedanken und jede freie Stunde in den nächsten beruflichen Sprint stecken.
Dass Veränderung möglich ist, habe ich an anderer Stelle gemerkt. Mein Gewicht lag zeitweise bei ungefähr 125 Kilogramm. Inzwischen bin ich unter 100. Darauf bin ich stolz, nicht weil damit plötzlich alles gelöst wäre, sondern weil dieser Fortschritt real ist und nicht nur in meinem Kopf stattgefunden hat.
Anfangen, bevor alles geklärt ist
Ich habe ein gutes Leben und viele Gründe, dankbar zu sein. Gleichzeitig möchte ich aufhören, Dankbarkeit als Argument dafür zu benutzen, keine eigenen Wünsche mehr verfolgen zu dürfen.
Auf diesem Kanal will ich mich nicht als fertige Version von mir präsentieren. Ich habe weder alle Antworten noch einen perfekten Plan. Stattdessen möchte ich Gedanken festhalten, Fortschritt sichtbar machen und lernen, freier über die Dinge zu sprechen, die mich beschäftigen.
Vielleicht geht es dabei manchmal um Arbeit, Technik oder Kommunikation. Vielleicht um Prokrastination, Gesundheit oder die Frage, wie man sich wieder mehr zutraut. Für den Anfang will ich nur, dass diese Gedanken nicht länger in Notizen und angefangenen Projekten liegen bleiben.
Noch weiß ich nicht genau, was daraus wird. Wenn am Anfang niemand zuschaut, habe ich trotzdem das freie Sprechen geübt und eine Ausrede weniger.
Für den Moment reicht mir etwas viel Banaleres: Die Aufnahme ist gemacht, der Schnitt ist fertig, und ich drücke auf Veröffentlichen.